Toccata. Die Orgel schlagen.

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olds
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Toccata. Die Orgel schlagen.

Beitrag von olds » Sonntag 18. September 2016, 21:06

Heute Vertretung im Stadtteil L., in der Kirche P.

Orgel recht neu und recht groß.

Zum Einzug die Toccata in e von Pachelbel, kann ich ziemlich gut, aber die Traktur des Instruments ist - sorry :oops: - pervers. Mein amerikanischer Chat-Bekannter würde im Facebook-Chat da schreiben: "What the heck.....?"

Ja, what the heck.

Dass man ganz früher eine Orgel schlug, dass weiß ich ja, aber warum zum Teufel baut man Ende der 80er ein Instrument noch so dermaßen schwergängig? Bin in den 16tel-Figuren zweimal rausgeflogen, weil ich einfach mit der Traktur nicht klarkam.

Da man das ganze Instrument wohl als Alterswerk eines verdienten Kirchenmusikers sehen kann (der seiner Stadtteilkirche dadurch ein überdimensioniertes Instrument spendierte, indem er die Kirchenverwaltung auch davon überzeugte, dass es im südlichen Stadtgebiet auch eines "Ausbildungsschwerpunktes", der natürlich nie zu Stande gekommen ist, bedürfe), ist mein Verdacht, dass der das Ding extra so bauen ließ um ein Zeichen zu setzen oder nur die Besten der Besten am Instrument zu haben oder was weiß ich.

Habe mir sagen lassen, dass viele Organistinnen komplett auf Registrierungen mit gekoppelten Werken verzichten, weil sie sonst ein Problem haben.

kernspalter
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Re: Toccata. Die Orgel schlagen.

Beitrag von kernspalter » Montag 19. September 2016, 11:02

Ich kann mir nicht vorstellen, daß man damals mit Absicht eine möglichst schwergängige Orgel bauen wollte.

Allenfalls, daß man bei der Auswahl der Orgelbaufirma die Fähigkeit, elegante Trakturen zu bauen, nicht auf der Prioritätenliste hatte.

Manchmal finden sich bei einem Orgelneubau auch Punkte auf dem Wunschzettel, die einer leichtgängigen Traktur nicht förderlich sind. Zum Beispiel ein freistehender Spieltisch, möglichst weit weg von der Orgel...
Auch hohe Winddrücke machen eine Orgel schwergängiger. Ich kenne Fälle, wo man nachträglich eine neue Intonation gelegt hat, die Winddrücke hochgefahren hat und die Orgel jetzt zäher zu spielen ist als im Originalzustand.

Auch Wartungsarbeiten können eine Rolle spielen. Wenn immer wieder Heuler auftreten, ist der Orgelbauer in der Versuchung, die Ventilfedern stärker zu machen.

Wenn die Orgel vor allem im gekoppelten Zustand Probleme macht, kann es auch an der Regulierung der Koppeln liegen.

Wenn die Orgel Ende der 1980er Jahre erbaut wurde, war da inzwischen mal eine Generalüberholung?



Dass man ganz früher eine Orgel schlug, dass weiß ich ja
Man hat früher die "Orgel geschlagen", wie man auch die "Laute geschlagen" hat. Und die Kunst, die Tasten sensibel zu bewegen, nennt man auch heute noch "Anschlag". Mit gewaltsamer Behandlung des Instruments hat das alles nichts zu tun.
Mit kernspalterischen Grüßen

trommet16
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Re: Toccata. Die Orgel schlagen.

Beitrag von trommet16 » Montag 19. September 2016, 21:06

kernspalter hat geschrieben: Man hat früher die "Orgel geschlagen", wie man auch die "Laute geschlagen" hat. Und die Kunst, die Tasten sensibel zu bewegen, nennt man auch heute noch "Anschlag". Mit gewaltsamer Behandlung des Instruments hat das alles nichts zu tun.
Soweit ich weiß, wurde die Hydraulis mittels Tonschleifen gespielt und, bei recht breiten Tasten, mit der Faust "bedient". Auch die frühen gotischen Orgeln waren von der Tastenbreite und Spielart nicht viel anders (Halberstadt). Ich denke, es wurde nicht mit aller Kraft "geschlagen", aber den Ausdruck kann man auch abseits irgendwelcher Wortursprünge nachvollziehen.

Hier sei nochmal der beliebte Grabsteinspruch zietiert:

"Hier ruht in Gott Organist XYZ,
er schlug Orgel, Frau und Kinder"

kernspalter
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Re: Toccata. Die Orgel schlagen.

Beitrag von kernspalter » Montag 19. September 2016, 21:45

trommet16 hat geschrieben:Soweit ich weiß, wurde die Hydraulis mittels Tonschleifen gespielt und, bei recht breiten Tasten, mit der Faust "bedient".
Wer sagt das?

Hier ist eine Abbildung der römischen Orgel von Aquincum zu sehen (Rekonstruktion nach den erhaltenen Originalteilen):
http://chronico.de/magazin/geschichtssz ... nstrument/

Das Instrument hat 13 Tasten und ist 30 cm breit. Die Tasten sind also nicht breiter als heutige Untertasten.
Wie und warum sollten die mit der Faust gespielt werden?
Mit kernspalterischen Grüßen

Solcena
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Re: Toccata. Die Orgel schlagen.

Beitrag von Solcena » Dienstag 20. September 2016, 00:09

trommet16 hat geschrieben:
kernspalter hat geschrieben: Hier sei nochmal der beliebte Grabsteinspruch zitiert:
(...)
Den kenne ich aber etwas anders.

trommet16
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Re: Toccata. Die Orgel schlagen.

Beitrag von trommet16 » Samstag 24. September 2016, 19:15

kernspalter hat geschrieben: Das Instrument hat 13 Tasten und ist 30 cm breit. Die Tasten sind also nicht breiter als heutige Untertasten.
Wie und warum sollten die mit der Faust gespielt werden?
Dann habe ich das bei der Hydraulis wohl verwechselt oder irgendwo fehlinterpretiert...

Solcena hat geschrieben: Den kenne ich aber etwas anders.
Das wahr jetzt frei aus dem Gedächtnis, außerdem kann ich mir gut vorstellen, dass es andernorts ähnliche Grabsteine gibt.

Ronald Henrici
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Re: Toccata. Die Orgel schlagen.

Beitrag von Ronald Henrici » Samstag 1. Oktober 2016, 18:05

Das mit dem Verstärken der Ventilfedern hat schon so seine Tücken, um einfach Heuter zu vermeiden. Das führt dazu, dass die Traktur unterschiedlich schwergängig wird. Um das dann auszugleichen, macht man die Mechanik der Töne, die noch nicht geheult haben, schwergängiger, weil das schneller zu bewerkstelligen ist, als die noch ausstehenden Ventilfedern zu verstärken.
Na, ja, ein Orgeöbauer, der nicht viel Zeit hat, vor der nächsten Messe fertig zu werden, weil er noch die Trompete im Hauptwerk nachstimmen muß, neigt natürlich zum letztbeschriebenen Vorgehen...
Gruß
Ronald
he: Orgel spielen heißt:einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen offenbaren. (Ch.M.Widor)

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