Orgel der Abteikirche in Gerleve bei Billerbeck

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tournemire
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Orgel der Abteikirche in Gerleve bei Billerbeck

Beitrag von tournemire » Samstag 10. März 2018, 21:15

Ihr Lieben,
derzeit wird die Orgel der Abteikirche in Gerleve (Stockmann 1971, III+P/43) gereinigt und neuintoniert.
Für "meine" Tageszeitung hier in Münster hab ich mal einen Text geschrieben, der jetzt am Wochenende zu lesen war:

Fünf Mal täglich Chorgebet, mindestens eine Eucharistiefeier an jedem Tag der Woche – die Abteikirche der Benediktiner in Gerleve ist ein von den Mönchen ebenso wie von vielen Besuchern stark frequentiertes Gotteshaus. Das hinterlässt Spuren. Zum Beispiel in Form von Staub! Dem rücken hilfreiche Geister natürlich regelmäßig zu Leibe, jedenfalls an allen zugänglichen Stellen der Kirche. Aber die große Orgel an der Nordwand des Chorschiffs? Hier Staub zu wischen ist alles andere als putztechnische Routine - aber in regelmäßigen Abständen ein absolutes Muss! Andernfalls würden die rund 3000 Orgelpfeifen im Innern des mächtigen Orgelgehäuses irgendwann keinen Ton mehr von sich geben.
Derzeit ist es wieder so weit: Mitarbeiter der traditionsreichen Orgelbauwerkstatt Fleiter aus Münster-Nienberge kümmern sich um jede einzelne der aus Holz oder Metall gefertigten Pfeifen und überprüfen, korrigieren, optimieren deren individuellen Klang. So lange, bis das komplette Material wieder ein harmonisches Ganzes ergibt. Das kostet dann schon ein paar Wochen intensiver Arbeit.
Doch der Aufwand lohnt! Denn hinter der sichtbaren Fassade der Orgel verbirgt sich ein wahres Juwel. Dem äußeren Anschein nach entspricht das Instrument einem Orgeltypus, wie er in der Zeit der 1970er-Jahre üblich war. Damals hat die Orgelbauwerkstatt Gebr. Stockmann aus Werl das Instrument auf den derzeitigen Ist-Zustand gebracht: mit stattlichen 43 Registern, gesteuert von drei Manualen und dem Pedal.
Ein Glücksfall für Gerleve: voll integriert in den 1971 realisierten Orgelneubau wurde das Vorgänger-Instrument aus dem Jahr 1912, für das sich der damalige Abt Raphael Molitor stark gemacht hatte. Er beschritt entlegene Pfade, indem er die Werkstatt Späth aus Ennetach auf der Schwäbischen Alb mit dem Bau der Orgel beauftragte. Damit war eine klangästhetische Entscheidung gefallen zugunsten einer Orgel im romantisch-sinfonischen Stil, die einen durchaus französischen „Dialekt“ bekommen sollte. Für Westfalen definitiv ein Unikum.
Mehr noch: verantwortlich für den Klangcharakter des Instruments von 1912 war der Orgelbauer Joseph König, ein Schüler und Kollege des Pariser Orgelbaumeisters Aristide Cavaillé-Coll, dem fraglos bedeutendsten Vertreter seiner Zunft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und einflussreich bis in die heutige Zeit. Joseph Königs Handschrift lässt sich in Gerleve immer noch sehr genau erkennen. Besonders wertvoll sind die sogenannten „Zungenstimmen“, Register also, die Instrumente wie Trompete oder Fagott imitieren. Diese wurden 1912 von der Firma Henri Didier aus Epinal in den französischen Vogesen nach Gerleve geliefert. Und französisch klingen sie bis heute. „Demnächst wieder in alter Frische und befreit vom Staub der letzten Jahrzehnte“, freut sich Abt Laurentius Schlieker, der das Orgelprojekt mit besonderem persönlichen Interesse verfolgt. Immerhin ist Schlieker in den einzigartigen Orgel-„Sound“, der in der Region seinesgleichen sucht, durch und durch verliebt.
Die umfassende Sanierung der Abteiorgel, die allein durch Spenden finanziert und von der „Stiftung Abtei Gerleve“ gefördert wird, soll zu Ostern 2018 abgeschlossen sein.


Das Instrument habe ich 1981 kennen gelernt. Es war und ist immer SEHR inspirierend gewesen es zu spielen und ich bin gespannt, wie es nach der Reinigung/Neuintonation klingen wird!!!

Schöne Grüße,
der tournemire
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Ronald Henrici
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Re: Orgel der Abteikirche in Gerleve bei Billerbeck

Beitrag von Ronald Henrici » Donnerstag 15. März 2018, 19:43

Den Bericht in der Zeitung in Münster finde ich sehr gut. Die beiden Bilder beziehen sich allerdings nur auf den "Orgelteil" im Chorraum der Klosterkirche. Als ich einige male dort war, bestand auf der Westempore ein weiteres Orgelwerk, das vom Spieltisch im Chorraum gespielt werden konnte. Die beiden Orgeln haben sich wunderbar ergänzt, ich war beim Spiel an die beiden Orgeln erinnert in einer Klosterkirche in Bayern, in der die Westorgel aus dem Jahr 1927 stammte, im Chorraum rechts und linke seitlich je ein kleineres Orgelwerk zu finden war. Die beiden kleineren Orgeln im Chorraum waren ganz für die Begleitung der Gregorianischen Gesänge der Mönche konzipiert, an der Rückwand des Chores stand der Spieltisch, von dem man sowohl die Mönche als auch die Gemeinde im Blick hatte. Klais hatte diese Orgel restauriert und - wie ich weiß - die Chorraumorgeln etwas erweitert.
In Gerleve ist es etwas anders: die Orgel im Chorraum links ist mehr die Hauptorgel der Kirche, der Spieler sitzt rechts im Chorraum mit Blick auf die Orgel, wie es in den beiden Bildern deutlich wird. Die Orgel auf der Westempore hatte den Ursprung mehr um 1900 gebaut, stammte aber aus dem Jahr 1937. Ist mir deshalb heute noch so bewußt, weil ich in den 60 er Jahren mit einem Mitarbeiter im Orgelbau dort war, um Reparaturen zu tätigen.
Ich finde das Konzept in Gerleve sehr gut, auch aus dem Zusammenhang heraus, als dort eine CD entstanden war, die ich in meiner Sammlung habe. Diese CD war eigentlich für Werbezwecke gedacht, weil es zu der Zeit darum ging, den elektrischen Spieltisch zu erneuern, der zu viele Defekte in der Elektrik mit der Zeit offenbarte. Ich denke, daß heute ein neuer Spieltisch da steht, zumal der alte Spieltisch den neuen Elektrik - VDO - Bestimmungen nicht mehr standgehalten hätte.
Gruß
Ronald Henrici
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Re: Orgel der Abteikirche in Gerleve bei Billerbeck

Beitrag von Ronald Henrici » Donnerstag 15. März 2018, 20:02

Den Bericht in der Zeitung in Münster finde ich sehr gut. Die beiden Bilder beziehen sich allerdings nur auf den "Orgelteil" im Chorraum der Klosterkirche. Als ich einige male dort war, bestand auf der Westempore ein weiteres Orgelwerk, das vom Spieltisch im Chorraum gespielt werden konnte. Die beiden Orgeln haben sich wunderbar ergänzt, ich war beim Spiel an die beiden Orgeln erinnert in einer Klosterkirche in Bayern, in der die Westorgel aus dem Jahr 1927 stammte, im Chorraum rechts und linke seitlich je ein kleineres Orgelwerk zu finden war. Die beiden kleineren Orgeln im Chorraum waren ganz für die Begleitung der Gregorianischen Gesänge der Mönche konzipiert, an der Rückwand des Chores stand der Spieltisch, von dem man sowohl die Mönche als auch die Gemeinde im Blick hatte. Klais hatte diese Orgel restauriert und - wie ich weiß - die Chorraumorgeln etwas erweitert.
In Gerleve ist es etwas anders: die Orgel im Chorraum links ist mehr die Hauptorgel der Kirche, der Spieler sitzt rechts im Chorraum mit Blick auf die Orgel, wie es in den beiden Bildern deutlich wird. Die Orgel auf der Westempore hatte den Ursprung mehr um 1900 gebaut, stammte aber aus dem Jahr 1937. Ist mir deshalb heute noch so bewußt, weil ich in den 60 er Jahren mit einem Mitarbeiter im Orgelbau dort war, um Reparaturen zu tätigen.
Ich finde das Konzept in Gerleve sehr gut, auch aus dem Zusammenhang heraus, als dort eine CD entstanden war, die ich in meiner Sammlung habe. Diese CD war eigentlich für Werbezwecke gedacht, weil es zu der Zeit darum ging, den elektrischen Spieltisch zu erneuern, der zu viele Defekte in der Elektrik mit der Zeit offenbarte. Ich denke, daß heute ein neuer Spieltisch da steht, zumal der alte Spieltisch den neuen Elektrik - VDO - Bestimmungen nicht mehr standgehalten hätte.
Gruß
Ronald Henrici
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Re: Orgel der Abteikirche in Gerleve bei Billerbeck

Beitrag von tournemire » Freitag 16. März 2018, 10:34

Hallo Ronald,
seit ich die Abteikirche Gerleve und deren Orgel kenne - also seit 1981 - steht dort eine einzige Orgel: vorne links im Mönchschor. Hinten über dem Eingangsportal steht keine einzige Pfeife. Ich vermute, bis zum Neubau der jetzigen Orgel im Jahr 1971 stand dort die alte Späth-Orgel von 1912...
Schöne Grüße
der tournemire

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Re: Orgel der Abteikirche in Gerleve bei Billerbeck

Beitrag von Ronald Henrici » Freitag 16. März 2018, 10:55

Das wundert mich nicht. Denn im orgelbau war ich zuletzt 1968 dort mit umfangreichen Reparaturen. trotzdem denke ich, daß der Spieltisch erst in den letzten Jahren erneuert wurde Wahrscheinlich hat man die Späth - Orgel nach unserem letzten Reparatur - besuch gänzlich vernichtet.
Gruß
Ronald
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Re: Orgel der Abteikirche in Gerleve bei Billerbeck

Beitrag von tournemire » Freitag 16. März 2018, 12:10

...ich empfehle, den Zeitungstext etwas genauer zu lesen.
der tournemire

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Re: Orgel der Abteikirche in Gerleve bei Billerbeck

Beitrag von Ronald Henrici » Freitag 16. März 2018, 12:46

Ich hatte den Schluß des Zeitungsartikels leider falsch verstanden als "Nachweinen". Jetzt sehe ich das richtiger, die Westfälische Orgelbauwerkstatt, die auch viel mit Orgeln aus der Zeit um 1900 zu tun hatte, wird schließlich die Westemporenorgel auf Lager genommen haben, um den Verfall aufzuhalten. Un erst jetzt ist das Geld zur Genüge da, um die Restaurierung zu Ende zu bringen.
Mich persönlich freut das. Endlich wieder eine Orgel aus der zeit um 1900, die dem Verfall nicht preisgegeben wurde.
Gruß
Ronald
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Re: Orgel der Abteikirche in Gerleve bei Billerbeck

Beitrag von tournemire » Freitag 16. März 2018, 20:57

...ich starte einen allerletzten Versuch, begreiflich zu machen, worum es in der Abtei Gerleve geht:
1912 Neubau Späth/Ennetach mit II+P/25
1971 Neubau Stockmann/Werl UNTER VERWENDUNG DES MATERIALS VON 1912!
2018 Reinigung und Nachintonation durch Fleiter/Münster.
Fazit: das Werk von 1912 ist in das aktuelle Instrument aus dem Jahr 1971 INTEGRIERT. Es steht nicht mehr im Westchor (wie seit 1912) sondern seit 1971 im nördlichen Mönchschor. Der aktuelle Spieltisch ist von 1971.

etwas verzweifelte Grüße
der tournemire

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Re: Orgel der Abteikirche in Gerleve bei Billerbeck

Beitrag von Ronald Henrici » Donnerstag 12. April 2018, 22:24

Danke für die Aufklärung nach neuestem Stand.
Gruß
Ronald
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Re: Orgel der Abteikirche in Gerleve bei Billerbeck

Beitrag von Hausorgler » Montag 13. August 2018, 23:19

Ich bin fast jeden Sommer in Gerleve und so konnte ich auch dieses Mal die Orgel spielen. Sie ist noch schöner geworden! Und sie hat jetzt noch eine Celesta bekommen. Diese steht unter der Orgel in einem eigenen Schwellkasten ebenerdig hinter dem Chorgestühl. Ein Besuch lohnt sich!

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