Intonations-Veränderung

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Daniel
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Intonations-Veränderung

Beitrag von Daniel » Mittwoch 4. Juli 2012, 09:25

Abgesehen von Verstaubung, Korrosion, Winddruck-Änderungen und mechanische Beschädigungen:
Kann sich die Intonation einer Pfeife/eines Registers im Laufe von Jahren/Jahrzehnten ändern ?

Mir ist nur 1 Theorie bekannt: Dass der Luftstrom feine Staub-Partikel mit sich führt, die im Laufe von Jahrzehnten/Jahrhunderten sog. Micro-Rillen in Kern und Labien schleifen, die zu einem ruhigeren Ton der Pfeife führen.

Denkbar wäre auch ein "Altern" des Pfeifenmaterials (Fließen von Metall (siehe einsinkende Pfeifenfüße, und biologisch-chemische Veränderungen und damit Maß- und Oberflächen-Glätte-Änderungen des organischen Materials "Holz".

Manchmal fallen mir schlecht intonierte Einzelpfeifen (z.B. bei Holzgedackt und Rohrflöte) bei alten Orgeln, die jahrzehntelang kaum verändert wurden, auf. Ich kann mir nicht vorstellen, daß dies von Anfang an so war.

Ronald Henrici
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Re: Intonations-Veränderung

Beitrag von Ronald Henrici » Donnerstag 5. Juli 2012, 21:35

Auch wenn man beim Stimmen des Instruments nicht sauber arbeitet, d.h. auch bei Arbeiten an den Labien, um Stimmung zu erhöhen oder zu erniedrigen - das geht manchmal recht gut um geringe Schwebungen zu beseitigen - führt das manchmal zu Intonationsveränderungen. Andernfalls können bei Holzpfeifen mit den Jahren feine Haarrisse im Holz im Bereich der Labien zu Intonationsveränderungen führen.
Bei kleinen Metallpfeifen, die beim Stimmen gekulpt werden, können die Labien gestaucht werden, was ebenfalls zu Klangveränderungen führt. Es gibt für Intonationsveränderungen bei in die Jahre gekommenen Instrumenten vielfältige Ursachen.
Kürzlich habe ich es bei einer Orgel ausfindig gemacht, warum eine Rohrflöte willkürlich bei verschiedenen Tönen ohne eine vermutete Regelmäßigkeit Intonationsschwankungen auftreten. Ursache: Die Registerschleife war monatelang gezogen, so daß feiner Staub sich bis hinunter in die Kanzellen bewegen konnte, der dann beim Spiel wieder hochgewirbelt wurde und mit Feuchtigkeit verbunden teilweise bei einigen Pfeifen die Kernspalten zusetzte.Wenn der Staub an den Kernspalten wieder trocken war und die Töne dann gespielt wurden, war der Staub bald herausgeblasen und die Töne wieder normal eine Rohrflöte.
Offenbar hat der Organist nicht bemerkt, daß er die Rohrflöte ständig gezogen hatte. Was bei einer elektrischenn Registertraktur durchaus passieren kann, wenn der Zugmagnet stehen geblieben ist und nicht mehr reagierte (was bei der Ursachenprüfung der Fall war !) :roll: :(
Gruß
Ronald
he: Orgel spielen heißt:einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen offenbaren. (Ch.M.Widor)

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Friedrich Sprondel
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Re: Intonations-Veränderung

Beitrag von Friedrich Sprondel » Freitag 6. Juli 2012, 10:18

Daniel hat geschrieben:Abgesehen von Verstaubung, Korrosion, Winddruck-Änderungen und mechanische Beschädigungen:
Kann sich die Intonation einer Pfeife/eines Registers im Laufe von Jahren/Jahrzehnten ändern ?
Als der Orgelbauer Lenter 2001 die Freiburger Praetorius-Orgel renoviert hat, soll er, wie ein Kommilitone mir damals erzählte, eine weitere Theorie gehabt haben: Steifes Pfeifenmaterial zeige mit den Jahren eine Tendenz, in seine Ursprungsform zurückzukehren, im Fall einer Orgelpfeife mit gedrückten Labien also eine gerundete Platte. Man soll sich das wohl wie eine Art Federkraft in Zeitlupe vorstellen. So könne es kommen, dass Intonationsmaßnahmen, bei denen es ja um Bruchteile von Millimetern ankommen kann, mit der Zeit verloren gehen.

Demnach müssten z. B. Pfeifen mit hohem Bleianteil, die also aus schwerem, leicht formbarem Material sind, die Intonation gut halten.

Was das Abrunden des Klangs über eine längere Zeit durch Partikelabrieb angeht: Da sind wahrscheinlich Zweifel angebracht. Diese Annahme ist schon ein paar Jährchen alt und stammt, wenn ich mich nicht täusche, aus einer Zeit, in der scharfe Intonation gewünscht war; diese wiederum wurde dann auf die damals angenommene »Blütezeit der Orgelbaus« zurückprojiziert, und im Zirkel wurde angenommen, dass der dunkle Klang mancher originaler Register aus dem 16. bis 18. Jahrhundert wohl eine Alterserscheinung sein müsse. Zu deutsch: Das könnte auch bloß eine Schutzbehauptung sein.

Das ist zwar auch nur eine Theorie – aber wieviele Betriebsstunden braucht ein bleierner Pfeifenkern, um so weit abgenutzt zu sein, dass sich das auf die Intonation auswirkt, und wieviele Betriebsstunden dürfen bei einer Kirchenorgel mit 1500 bis 3000 verschiedenen Pfeifen angenommen werden, auch in dreihundert Jahren?

Ich tippe darauf, dass Herr Eberlein richtig liegt: Dreck, Stimmung und Wartung dürften sich am meisten auf die Intonation auswirken.

Gruß,
Friedrich

efwe
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Re: Intonations-Veränderung

Beitrag von efwe » Donnerstag 15. Juni 2017, 21:37

Was mir immer wieder auffällt, sind abgesunkene bzw. in der Mitte durchhängende Kerne bei großen Metallpfeifen (16' Lage)

Beste Grüße

F. Wenzel

Ronald Henrici
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Re: Intonations-Veränderung

Beitrag von Ronald Henrici » Donnerstag 26. Oktober 2017, 21:06

Ein sichtbar durchhängender Pfeifenkern hat durchaus die Eigenart, eine Intonation zu verändern. Aber kürzlich habe ich eine etwas andere Folge festgestellt. Die C-Pfeife Principalbass 16 Fuß im Prospekt hatte die Eigenart, bei der Winzufuhr erst einmal fast 20 Sekunden zu fauchen, bewor sich der Ton eingeschwungen hatte. Um Dieses "Vorfauchen" zu veringern, habe ich die Seitenbärte etwas vorsichtig nach innen gedrückt, Mit wenig Erfolg. Dann habe ich in das Labium hineingeleuchtet und eine Verformung des Kerns festgestellt, die bei den Nachbarpfeifen D und E, auf der anderen Seite bei Cis und Dis nicht vorhanden waren. Diese Pfeifen hatten auch kein "Vorfauchen" wie beim C, sondern der Einschwingvorgang das schneller.
Damit wären wir bei den unterschiedlichen Ursachen bei Intonationsproblemen mit älteren Instrumenten, was auch Sprondel und Eberlein schon angedeutet haben.
Gruß
Ronald
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