Lutherische Klänge in der Kath. Kirche St. Ludwig Celle

Informationen und Diskussionen zu allen Bereichen rund um die Orgel herum,
z.B. Vorstellung der eigenen Kirchengemeinde, Konzert- und Gottesdienstgestaltung, Konzertberichte, Sparmaßnahmen in der Gemeinde, Organisation, usw.
Antworten
Benutzeravatar
Administrator
Site Admin
Beiträge: 832
Registriert: Donnerstag 7. September 2006, 16:31
Wohnort: Celle
Kontaktdaten:

Lutherische Klänge in der Kath. Kirche St. Ludwig Celle

Beitrag von Administrator » Freitag 9. Juni 2017, 11:51

Am 04.06., Pfingstsonntag, lud die Katholische Kirchengemeinde St. Ludwig in Celle zu einem Konzert mit lutherischer Musik ein. Für alle, die dies abendliche Vergnügen nicht erleben konnten, fasse ich meine Eindrücke mal in Worte.

In Celle kann man viele verschiedene Kirchenbauten erleben. Von der altehrwürdigen Stadtkirche hin zu 60er-Jahre-Bauten und modernen Vorort-Kirchen. St. Ludwig sticht als wunderschöner klassizistischer Bau aus der Vielfalt heraus. Hohe Säulen, ein länglich-schmaler Innenraum mit recht kleinem Altarbereich, eine altrosa-Färbung/Akzentsetzung der Wände und wunderschöne, eindrucksvolle Fenster. Ein besonderer Kirchenbau. Die Orgel thront im Rücken der Gemeinde, eingepasst in die Empore.

Der Kirchenmusiker der Gemeinde, Herr Anschütz, begrüßte die etwa 120 Besucher an diesem Abend zu dem Konzert, welches einen würdigen Abschluss des Luther-Fest-Tages bot. Vermutlich war die hohe Zahl der Besucher auch eine Folge des Luther-Festes und zeitgleichen Stadtjubiläum-Festes. Vielleicht aber zog auch die ungewöhnliche Formulierung „Lutherische Musik in einer Katholischen Kirche“ die Besucher an. Laut Herrn Anschütz würde ein „eher nachdenkliches Konzert“ folgen, welches deutlich macht, wie die Komponisten früher Musik als „Dienst am Wort“ verstanden. Er zitierte zudem noch Luther, der Musik als eine „fröhliche Schöpfung Gottes“ bezeichnete.
Nach dem freundlich formulierten Hinweis auf die erbetene Spende machte sich Herr Anschütz auf den Weg zur Orgel.

Der Weg zur Orgel ist lang. Nach langen Momenten der Stille setzt die Orgel kraftvoll, aber nicht zu laut ein. Buxtehudes Toccata in F war das erste Stück des Programms. Anschütz spielte sie nicht überhastet, sondern eher genussvoll. Sehr gut zu hören und ein schöner Auftakt. Nur die Posaune im Pedal war mir etwas zu dominant.
Der fugale Teil war sehr durchsichtig und man konnte den einzelnen Stimme sehr schön folgen. In einer Mittelstimme war die recht sanfte Trompete zu hören, ein interessanter Klangaspekt mit festlichem Charakter.

Es folgte das Choralkonzert „Komm, heilger Geist, Herre Gott“ von Johann Hermann Schein. Den Basso Contiuno-Teil übernahm die Laute, die von Andreas Düker gespielt wurde. Die Sopranistin Nele Schulz und die Mezzosopranistin Katarina Andersson standen im Altarraum und begannen den Gesang. Das Tempo war am Anfang etwas uneinheitlich, das legte sich aber nach den ersten Takten. Die Zuhörer lauschten gebannt und erstarrten, als plötzlich der Bariton Jean-Christophe Fillol von der Orgelempore unter Begleitung der Orgel seine Stimme erhob. Ein schöner Effekt und eindrucksvoller Klang.
Alles in allem klang das gesamte Stück unsicher und unstrukturiert. Es stellte sich aber heraus, dass dies wohl gewollt war und durch die kurzen hintereinander folgenden Einsätze der verschiedenen Stimmen entstand. Das klang nicht immer schön – manchmal schon fast atonal – und ich war froh, als der letzte Ton erklang. Nicht ganz meine Musik.

Entspannungsklänge folgten. Auf der Laute erklang die Toccata VIII von Johannes Hieronymus Kapsberger. Das waren spannende, nicht oft zu hörende Klänge, die viel Durchsichtigkeit boten und denen ich gerne länger gelauscht hätte. Musik zum Lächeln.

Aus den kleinen geistlichen Konzerten von Schütz folgten „Bringt her dem Herren“ und „Wann unsere Augen schlafen ein“.
Bei dem ersteren hatte ich große Mühe, die Mezzosopranistin zu verstehen. Der Text kam nur sehr undeutlich bei mir an, das Vibrato in ihrer Stimme war teilweise sehr stark und machte das Zuhören nicht immer zum Genuss. Die Musik klang tonsicher und sauber, aber mir fehlte die Begeisterung. Es klang einfach „einstudiert und abgerufen“.
Das „Wann unsere Augen schlafen ein“ erklang ebenfalls technisch einwandfrei und tonsicher. Das Vibrato der Sopranistin war nicht ganz so stark und der Text war wesentlich besser zu verstehen als beim vorigen Werk. Aber auch hier konnte der Funke der Musik bei mir nicht zünden. Eigentlich schade, denn die Musik transportierte den Text und seinen Inhalt ganz bezaubernd. Tolle Harmonien und Klänge.

Das Magnificat noni toni von Samuel Scheid erklang im Wechsel zwischen Orgel und Singstimmen. Der Bariton auf der Orgelempore begann sauber und gefühlvoll, die Orgel bot einen kräftigen Klang. Die Mezzosopranistin nahm den „Spielball“ in einem Seitenschiff auf, wie schon vorher klanglich und tonal sicher, aber schwer verständlich. Die Sopranistin antwortete wiederum aus dem anderen Seitenschiff. Der Hall verschleppte die Aussprache etwas. Die Orgel antwortete wiederum. Anschütz bot an „seiner“ Orgel die ganze Vielfalt der Registrierungsmöglichkeiten auf und zeigte, welch schöne Klangfarben das Instrument bot. Im weiteren Verlauf des Stückes war mir allerdings die Posaune erneut etwas zu stark und zum vollen Klang der Orgel wirkten die Singstimmen etwas schwach.
Mit „O süßer, o freundlicher“ von Heinrich Schütz bot Nele Schulz nun einen Anflug von Begeisterung, Fröhlichkeit und Enthusiasmus. Der Text war gut zu verstehen, die Töne sicher und für mich klang es erstmals in diesem Konzert so, als würde das Dargebotene auch geglaubt.
Aus den geistlichen Konzerten folgten nun noch – Herr Anschütz an der Truhenorgel - „Bone Jesu, Verbum Patris“, „Das Blut Jesu Christi“ und „Die Gottseligkeit“. Leider verschwand die Begeisterung wieder. Zwar waren die einzelnen Stimmen klanglich sehr fein aufeinander abgestimmt (wenn auch nicht immer gut verständlich) und die Harmonien wirklich hübsch, aber irgendwie saß ich immer noch da und wartete auf die Musik, die mir einen Schauer über den Rücken jagt.

Kapsberger. Erneut gespielt von der Laute, nämlich die „Toccata Arpeggiata“. Schöne Musik, eher meditativ und sehr entspannend. Herr Düker scheint sein Instrument zu lieben, denn hier klang wirklich Begeisterung, Empfindsamkeit und Spielfreude mit.

Buxtehudes Choralfantasie „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ begann mit der Vorstellung des Chorals durch die Mezzosopranistin. Aus dem Seitenschiff erklang ihre Stimme. Sehr kräftig, teilweise etwas zu stark.
Anschütz bot dann einen Buxtehude schönster Art. Abwechslungsreich und vielfältig registriert, durchsichtig, wirklich schön anzuhören. Es wurde nicht einen Ton lang öde oder uninteressant. Eine Darbietung wie aus dem Lehrbuch. Und zum Ende hin deutete sich dann auch ein Hauch von Spielfreude und Befreiung an.

Das, was die anderen noch zurückhielten, bot Andreas Düker dann wieder auf der Laute. Er spielte eine Chiaccona von Alessandro Piccinini. Und hier zündete der Funke erneut. Düker bot Spielfreude und „Lust an der Musik“ mit diesem Werk, welches viele scheinbare Wiederholungen beinhaltete. Aber nur scheinbar, denn Kleinigkeiten änderten sich ständig und machten die Musik so überaus spannend und ließen den Zuhörer immer wieder aufhorchen.

Beim letzten Programmtitel des Abends kam die Truhenorgel erneut zum Einsatz und der Anfang machte das Versprechen, das nachzuholen, was ich am ganzen Abend schon vermisste. Einen Ausbruch aus den selbstgesteckten Grenzen, eine Befreiung der Musik. Die Gesangstimmen harmonierten bei Buxtehudes „Cantate domino canticum novum“ eindrucksvoll miteinander, die Laute und die – entzückend klingende – Truhenorgel taten ihr Übriges. Aber leider ließ die angeklungene Begeisterung wieder nach und mündete „nur“ in technischer Makellosigkeit und tonaler Sicherheit.


Meine Einschätzung und mein Hören muss natürlich nicht für andere gelten. Nach dem letzten Ton dauerte es gar nicht lange, bis ein begeisterter Applaus zu hören war. Zugabe-Forderungen deuteten sich an und die Künstler boten noch ein kurzes Extra (leider wurde nicht angesagt, was sie darboten).

Fazit: Ein wirklich schönes Konzert, welches einen würdigen Abschluss des Pfingsttages darstellte. Technisch und klanglich waren die Interpreten zumeist sicher. Für meinen Geschmack fehlte es noch etwas an Begeisterung und Enthusiasmus. Lediglich Herr Düker bot dies auf der Laute an und schaffte es, die „fröhliche Schöpfung Gottes“ aufblühen zu lassen.

Antworten