Innere Einstellung von Organisten

Informationen und Diskussionen zu allen Bereichen rund um die Orgel herum,
z.B. Vorstellung der eigenen Kirchengemeinde, Konzert- und Gottesdienstgestaltung, Konzertberichte, Sparmaßnahmen in der Gemeinde, Organisation, usw.
Ippenstein
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Beitrag von Ippenstein » Montag 25. Januar 2010, 07:41

Die Bachtoccata zum Einzug... würde für mein Verständnis nicht zu einem Einzug - auch nicht zu einem Auszug passen. Wenn der Pfarrer nach dem Einzug dann noch 2 Minuten warten muß, bis das Einzugsstück aus ist, ist die äußere Einheit der Messe schon zerrissen. Ich habe da mal einem schrecklichen Gottesdienst beiwohnen dürfen, der eben wegen der Unfähigkeit der Kollegin in Liedauswahl und Liturgie nebst vielen anderen Sachen zerrissen war. Von Einheit keine Spur. Die gute Dame hatte übrigens den C-Schein.

Aber nun mal ein positiver Kommentar. Mein Pfarrer ist zurück und wir sind ein wunderbar eingespieltes Team. So hatte ich gestern spontan entschieden, vom Sebastiani-Lied nach der Lesung noch 2 Strophen zu spielen. Der Pfarrer kann zwar sehen, welches Lied ich angebe, aber nicht, wie viele Strophen. Er schaut kurz hoch, während ich spiele, ich zeige ihm zwei Finger, die Sache war klar und die Leute haben nichts bemerkt. :D

Grüße vom

Ippenstein

Niels

Beitrag von Niels » Dienstag 26. Januar 2010, 09:44

Poupoulcorouse hat geschrieben:Ich finde es sehr traurig, daß hier teilweise wieder das Fass "Pastor vs. Organist" aufgemacht wurde.



Im Ideal wäre es so, daß in 50% der Fälle der Organist durch seine Kunst den Pfarrer bei der Gottesdienstgestaltung anregt und in anderen 50% der Organist durch die theologische Bandbreite der Predigt und der Liedauswahl in seiner Kunst inspiriert wird.
Das wäre Kirchenmusik, so wie sie sein soll.

Der Organist sollte sich, sofern er den Gottesdienst ernstnimmt, darüber im Klaren sein, daß er von der theologischen Berufung des Pfarrers abhängig ist und der Pfarrer sollte die Kunst seines Organisten zu schätzen und zu fördern wissen und erkennen, daß er für die Gestaltung eines guten Gottesdienstes mit seinem Organisten auf einer Wellenlänge sein sollte.



Ständig neue Fälle zu beschwören, bei denen das nicht funktioniert, hilft nicht gerade dabei die Leute an dieses gegenseitige Abhängigkeitsverhältnis zu erinnern.

Damit formuliert man sich letztlich nur den eigenen Abgesang.




Vielleicht sollte man bei dieser Diskussion noch einmal darauf hinweisen, daß wir hier vom Gottesdienst sprechen.
Nicht von einer allsonntäglichen Beschäftigungstherapie für Hauptamtliche und Gemeindeglieder und schon gar nicht von einem Orgelkonzert.
Wenn wir dazu nicht stehen und danach unser Engagement ausrichten, sowohl auf der Empore, als auch auf der Kanzel, müssen wir uns nicht wundern, wenn das irgendwann einmal niemand mehr verinnerlicht.

Im Klang der Orgel, im Gesang der Gemeindeglieder und im Wort des Predigers wirkt der Heilige Geist.
Das zu erkennen fällt nicht einmal mir als reformiertem Protestanten schwer.
Diesem Anspruch muss sich jeder stellen, der daran teilnimmt.
Nicht als Bürde, sondern als Ansporn.

Aber vor allem nicht in Gleichgültigkeit.
Wie schön und GUT war das noch zu J. S. Bachs Zeiten.
Da wählte der Kirchenmusiker die Lieder aus

Im Normalfall ist der Orgelschläger eben kein theol. Total-Laie. Er ist verantwortungsvoll, kennt den jeweiligen Introitus, die Lesungen..... UND Merkwürden :lol:

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Beitrag von Administrator » Dienstag 26. Januar 2010, 11:19

In der neuapostolischen Kirche Mitteldeutschland ist das der Normalfall, dass die Organisten die Lieder für den Gottesdienst auswählen. Sie haben die Übersicht, welche Lieder passen, welche sie spielen können und welche an diesem Sonntag (evtl. auch wg. Besetzung der Gemeinde) sinnvoll sind.
Dazu ist zu bemerken, dass die Organisten der NAK meist Laien sind. Daher ist da eine eigene Liedauswahl auch nur fair.

Aber im Grunde ist es durchaus sinnvoller, den Organisten diese Freiheit zuzusprechen. Das bedeutet ja nicht, dass sie nicht mit den Pastoren/Priestern/Pfarrern reden. Das ist m.E. (egal in welcher Richtung) immer eine Grundvoraussetzung.
Herzliche Grüße

Daniel
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Beitrag von JannF » Mittwoch 3. März 2010, 12:18

Meiner Meinung nach, ist es unmöglich bestimmte Werke richtig zu interpretieren, ohne die richtige (geistliche) Einstellung zu haben...
Und das kann man definitiv hören...

Des weiteren habe ich in der Neuapostolischen Kirche nur schlechte Erfahrungen gemacht. Bestimmte Personen haben immer wieder die schwersten Lieder ausgesucht, nur damit ich schlecht spiele... Man wollte mich einfach nicht an der Orgel sehen... Zu Anfang wurde mir sogar verboten, an Sonntage zu spielen... Nur Mittwochs......

Ich spiele seit mehreren Jahren vetretungsweise in den verschiedensten evangelischen Gemeinden. Und dort gefällt mir das Umfeld wesentlich besser. Die Pastoren sprechen sehr oft mit mir die Lieder ab und fragen mich um Rat, ob die Gemeinde die Lieder singen kann...

Und das trägt natürlich auch zu einer bestimmten Einstellung bei...

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Beitrag von Administrator » Mittwoch 3. März 2010, 14:49

Das tut mir leid, dass Du da mit meiner Kirche so schlechte Erfahrungen gemacht hast. Selbst bist Du aber nicht neuapostolisch, oder?

Leider gibt es in einigen Gemeinden und Bezirken immer wieder mal ein paar schwarze Schafe, die sich nicht christlich verhalten und es anderen unnötig schwer machen. Dadurch wird, nicht nur im Bereich Musik, soviel kaputt gemacht.

Wenn Du mal in der Lüneburger Heide bist - komm einfach vorbei. Dann schauen wir, was hier an Orgeln rumsteht und vielleicht kann ich ein wenig des Schadens wiedergutmachen.
Herzliche Grüße

Daniel
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Beitrag von JannF » Mittwoch 3. März 2010, 15:08

Selbst bist Du aber nicht neuapostolisch, oder?
Doch :wink:

Ich hätte schon Lust wieder mehr zu Spielen. Durch mein Studium ist das sehr wenig geworden... Auch habe ich den Chor dirigiert und das würde mir auch weiterhin Spass machen...

Aber leider passt das Umfeld nicht mehr. Und damit meine ich nicht nur einzelne Gemeinden.... Das geht schön bis in die höchsten "Ebenen" in denen ich aich einige Gespräche geführt habe...

Naja. egal. das Thema gehört hier ja auch nciht wirklich hin...

Wenn Du mal in der Lüneburger Heide bist - komm einfach vorbei. Dann schauen wir, was hier an Orgeln rumsteht und vielleicht kann ich ein wenig des Schadens wiedergutmachen.
Danke für das Angebot. Für unbekannte Orgeln bin ich immer offen. Zumal es immer schwieriger wird, an historische Instrumente ranzukommen. Trotz Orgelschein :wink:
Da muss man schon gute Kontakte haben...

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Beitrag von Administrator » Mittwoch 3. März 2010, 20:02

Ok, das "doch" war vorher nicht ablesbar. :-)
Und Du hast Recht, für dies Thema sollten wir einen netten Abend bei Cappuccino und Wein wählen.

Es gibt schon einiges an hübschen Orgeln hier. Die Hammer-Orgel im Nachbarort ist zwar nicht mehr der Hammer, aber ich denke, das wird sich vielleicht auch irgendwann ändern (Pflege tut not).
Sag früh genug Bescheid, damit ich mich um Schlüssel usw. kümmern kann.
Herzliche Grüße

Daniel
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Organist und Pastor - beide gestalten die Messe/den Gottesdi

Beitrag von Ronald Henrici » Dienstag 5. April 2011, 21:15

Mit intensivem Interesse habe ich die Beiträge dieser Thematik gelesen.Erkenntnisse meiner schon seit mehr als 50 Jahren Wanderorganisten-Tätigkeit in den vielen Gemeinden, wo ich vertreten darf , wenn kein Organist da ist, möchte ich hier nicht ausführlich ausbreiten, das gäbe ein ganzes Buch mit vielen Vielseitigkeiten und manchmal auch humoristischen Einlagen.
Schon als Gymnasiast in Köln bei den Schulgottesdiensten hat es angefangen ! Der Religionslehrer und auch manchmal der Pastor der Gemeinde, in der die Schule lag, haben den Gottesdienst zusammen mit dem Organisten, der Schüler des Gymnasiums war,vorbesprochen und gestaltet.Predigt und Bibeltexte wurden erarbeitet - mehr auf Seiten des Pastors/des Religionslehrers - , der "Schülerorganist" wurde herausgefordert, dem Text nach passende Lieder vorzuschlagen, die auch gut in den Melodien zu singen waren. Da soll mir einer sagen, der Organist hätte sich nicht auch intensiv mit der Theologie zu befassen !So hineingeworfen in das Geschehen der Gottesdienstgestaltung - SDG - verliert man sein ganzes Leben lang nicht die Überzeugung und das Engagement des "Soli Deo Gloria" !!Es blieb dabei auch nicht aus, daß sich der katholische Schülerorganist und der evangelische Schülerorganist austauschten. Der Schulgottesdienst der katholischen Schüler was immer ein Messe mit Comunio. Auch dabei gab es vor der Messe die sichere Behauptung des Priesters. "Der Organist hat die passenden Lieder mitgebracht". Das brachte mich schon gelegentlich in Verlegenheit, weil ich annahm, daß der Priester die Lieder bestimmt.Nun, meist war es nicht so. Die Priester verlassen sich darauf, daß der Musiker die passenden Lieder ausgesucht hat !! Es ist sehr selten vorgekommen, daß die so vorbereiteten Gesänge nicht zur Geltung kamen, es wurde nur gelegentlich etwas geändert. Diese Art des Vorgehens zog sich bisher schon mehr als 50 Jahre hin ! Bei fast jeden Sonntag Dienst - nicht immer in der gleichen Gemeinde - ist es höchst selten vorgekommen, daß mein Spiel zur Gottesdienstbegleitung abgelehnt wurde, Gemeinden freuten sich immer wieder, wenn ich "mal wieder" in ihrer Gemeinde musizieren wollte und konnte. Auch wenn es aus zeitlichen Gründen nicht anders ging als kurz vor dem Gottesdienst Absprachen zu treffen.
Das hatte sich sowohl in Köln, in Belgien, am Niederrhein, jetzt in Südbaden gut bewährt und auch nicht geändert, selbst wenn es um Vertretung an A und B Stellen ging und geht.
Der "Wanderorganist " braucht eigentlich nur sein Gesangbuch/sein Gotteslob gut zu kennen, dann ist er sehr gut in der Lage, dem entsprechenden Gottesdienst , die entsprechende Musik zu bringen, die in Harmonie mit dem Prediger/dem Priester zur abgerundeten Einheit des Soli Deo Gloria führt.
Hier möchte ich erst einmal abbrechen, später dazu mehr:"Wie bringe ich den Pfarrer/Priester zu gedeihlicher Kooperation ?" das ich im Grunde gar nicht so schwierig, wenn man einige Regeln der eigenen Selbstachtung und der Achtung des Anderen befolgt - auch die Achtung vor der Gemeinde. das beginnt schon damit, wie man im Outfit vor der Gemeinde erscheint und wie man die "Orgelempore" als "Heiligtum " selbst würdigt.
Dies mit den besten Grüßen an alle
Hauptamtlichen
Nebenamtlichen
Ehrenamtlichen
Wandernden
Vertretenden Organisten/Kirchenmusikern/Gemeindegesangbegleitenden.
he: Orgel spielen heißt:einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen offenbaren. (Ch.M.Widor)

C-Musiker
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PP

Beitrag von C-Musiker » Mittwoch 6. April 2011, 14:56

Interessant für die Ausgangsfrage nach der inneren Einstellung finde ich die Ausführungen von Peter Planyavsky (bekennender Agnostiker) auf S. 166/167 in seinem auch sonst lesenswerten Buch "Gerettet vom Stephansdom".

Orgel
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Beitrag von Orgel » Mittwoch 6. April 2011, 16:10

Hallo C-Musiker,

da ich das Buch von Planyavsky nicht zu Hause habe: Könntest Du kurz skizzieren, was Planyavsky dazu sagt? Mich würde das interessieren.

Grüsse von der Orgel

thomas morus
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Beitrag von thomas morus » Mittwoch 6. April 2011, 16:43

Also zur inneren Einstellung würde ich ganz allgemein sagen, daß es wie bei jedem Musiker/Künstler ist. Man muß das, was man macht, lieben und daran Freude haben und sich damit identifizieren. Ob man nun einen gesteigerten Gottesglauben hat oder besonders fromm ist, ist imo zweitrangig. Natürlich wird man schon einen Bezug zu Kirche und Religion haben, sonst wäre man ja nicht Kirchenmusiker - neben- oder hauptamtlich - geworden.
Ippenstein hat geschrieben:Die Bachtoccata zum Einzug... würde für mein Verständnis nicht zu einem Einzug - auch nicht zu einem Auszug passen. (...)
Ach, wieso denn nicht?

Bei meinem ersten öffentlichen Orgelspiel, Pfingstsonntag, Goldene Hochzeit meiner Großeltern, habe ich die bspw. zum Einzug gespielt.
Link: http://www.youtube.com/watch?v=0OBRIXGr_ww

Ippenstein
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Beitrag von Ippenstein » Mittwoch 6. April 2011, 22:51

Auch noch zu einem DANKGottesdienst.
Tut mir leid, aber das paßt gar nicht zu dem Anlaß.

Bei einem Dankgottestdienst soll man sich freuen. Da muß es Dur hageln und nicht diese dämliche, ausgetretene und überaus langweilige Toccata.

Zudem sieht man an diesem Beispiel sehr schön, wie der ganze Einzug zerrissen wird. Wenn Sie schon so was langes am Anfang machen wollen, wie wäre es damit: http://www.youtube.com/watch?v=DdPrR02ZQGE

Wobei ich so etwas dann nur spielen würde, wenn der Einzug von selbst besonders lange und würdevoll dauert (z.B. ein Einzug im Dom zum Hochfest oder Priesterweihe etc.... )

Grüße

Ippenstein

C-Musiker
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Beitrag von C-Musiker » Mittwoch 6. April 2011, 23:41

Peter Planyavsky:

Kann man denn als Agnostiker Kirchenmusiker sein? Die Standardantwort „Natürlich nicht!“ kommt immer rasch und mit Emphase. Denn, so wird argumentiert, wer nicht an einen menschgewordenen Gottessohn glaubt, wird ein „Et incarnatus est“ nicht „richtig“ dirigieren können. Oder in der verschärften Fassung: „richtig“ schon, aber „nicht so fromm“. Meine komplexe Antwort beginnt bösartig simpel: Man muß auch nicht an die Existenz von Hexen glauben, um Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“ gültig aufzuführen; aber man muß wissen, was ein Märchen ist, was eine Hexe ist und was mit der Story transportiert werden soll; vor allem aber muß man erkennen, was sich Humperdinck gedacht hat, als er den Text so und nicht anders vertont hat. Das mag sogar einschließen, daß es einen „gruselt“ — nicht aber notwendigerweise den Glauben an die Existenz von Hexen. Meine Diskussionspartner erwidern dann meistens: „Das ist etwas ganz anderes!“ Was daran so ganz anders sein soll, konnte mir ohne leicht zu entlarvenden Zirkelschlüsse allerdings bis jetzt niemand beweisen.
Ein Dreiklang kann richtig oder falsch sein, aber nicht fromm oder unfromm. Das Tempo eines Agnus Dei kann nicht gläubig oder ungläubig sein, sondern musikalisch richtig oder nicht adäquat; hier gibt es einige der Komposition innewohnende Kriterien, die mit dem Inhalt des Textes nichts zu tun haben (und die so mancher fromme Dirigent bisweilen nicht beachtet) — etwa die Dehnbarkeit einer Phrase, oder die höchst prosaische Frage, ob die Solistin ohne ständiges Luftschnappen auskommt (wenn nicht, dann ist das Tempo zu langsam — aus diesem Grund und nicht, weil der Dirigent besonders fromm ist). Weiters gibt es musikalische Symbole, die man verstehen oder ignorieren kann (etwa wenn bei der Stelle „... und ist Mensch geworden“ schon ein Motiv aus dem darauffolgenden „Et resurrexit“ zitiert wird). Hier geht es um Informationen aus dem Notentext und selbstverständlich auch um Zugänge, die sich aus der Kenntnis des kulturellen und spirituellen Zusammenhanges erschließen. Haydn hat seine Kyries fundamental anders gestaltet als etwa Bruckner. Aber wer das untersucht, muß nicht selbst fromm sein, sondern muß bloß die Frömmigkeit von Haydn verstehen und erkennen, wie sie sich vom Glaubenszugang Bruckners unterscheidet. Und wer das demütige, unruhige Kyrie von Bruckner dirigiert, soll in diesem Moment nicht demütig und unruhig sein, sondern mit seinem musikalischen Handwerkszeug und seinem ganzen geballten Intellekt alles tun, um dem Zuhörer den Affekt „demütig und unruhig“ zu vermitteln.
Ein Schauspieler hat nicht die Aufgabe, überrascht zu sein, wenn er im 4. Akt plötzlich aus dem Hinterhalt erstochen wird; seine Aufgabe ist es, den Zuschauer glauben zu lassen, er sei überrascht — auch an diesem 19. Abend nach der Premiere. Wie treffend, daß hier zufällig das Wort glauben vorkommt ...
Und so habe ich mich auch immer definiert: als jemand, der anderen dazu verhilft, ihren Glauben stärker zu empfinden, eine Botschaft deutlicher zu vernehmen, ein Lied leichter mitzusingen, einen Gottesdienst froher mitzufeiern.
Die Kehrseite der Medaille ist, daß ich eine Art Sonn- und Feiertags-Antipathie entwickelt habe, eine umfassende „Weihevolle-Stimmung-Neurose “‚ die ich erst jetzt, nach dem Ende meiner Tätigkeit am Dom, langsam abbauen kann. Am deutlichsten wird das zu Weihnachten, an dem ich längst jede Freude verloren habe; das hängt nicht nur mit der Arbeitsdichte zwischen 24. und 26. Dezember zusammen, sondern mit dem vierwöchigen Bombardement in allen Begrüßungen, Predigten und Verabschiedungen, was sich denn da „bald“ oder „demnächst“ oder „in wenigen Stunden“ an glockenklingender und engelsingender Verzückung einstellen würde. Man glaubt übrigens gar nicht, wieviele gedankenlose Mitmenschen, die genau wußten, welchen Beruf ich hatte, mir am 24. Dezember „schöne Feiertage“ gewünscht haben. Ein ähnlicher Fall war auch der Domprediger Zimmermann, der mir jeden Freitag um 17 Uhr ein schönes Wochenende wünschte.

Orgel
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Beitrag von Orgel » Donnerstag 7. April 2011, 11:37

Hallo C-Musiker,

vielen Dank für das Zitieren aus dem Buch von Planyavsky!

Triforium
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Beitrag von Triforium » Donnerstag 7. April 2011, 12:43

Hallo in die Runde,

ich bin über die Zeilen von Herrn Planyavksy erschreckt.

Auch ein nichtgläubiger Priester kann Gebete sprechen, sofern sein Sprechapparat nicht durch krankhafte Einwirkung verändert/verstummt ist u. er die Sprache zuhause bzw. das Lesen in der Schule gelernt hat. Wenn er dann noch über ein bisschen dramatisches Talent verfügt, wird er „seine Arbeit“ als Zelebrant genau so gut ausführen, wie Hr. Planyavsky sein Dirigentstab schwingt o. die Tasten drückt. Da ja hinter dem Priesteramt genauso ein Studium steckt, wie hinter dem des Kirchenmusikers, kann man die beiden Arbeitsplätze auch vergleichen:

Ist es dann OK, wenn ein nichtgläubiger Priester die Messe zelebriert? Wenn er genauso in seiner Aufgabenerfüllung alle Professionalität, wie Hr. Planyavsky bei seinem Musizieren, einbringt?!
(frage ich mal ganz ernsthaft in die Runde u. lasse meine persönliche Ansicht dazu weg).

Auch ich habe an Weihnachten immer als nebenberuflicher Kirchenmusiker recht gut zu tun. Vielleicht nicht im gleich großen Umfang wie Hr. Planyavsky, aber auch so, dass ich am 24.12. vier Gottesdienste in Reihenfolge habe. Das mache ich schon seit Jahren u. es gibt für mich keinen Grund, warum ich mich NICHT auf jeden Gottesdienst u. auch auf die ggf. weihevollen Worte des Geistlichen o. rührseligen Worte meiner Mitmenschen freuen soll.

Es enttäuscht mich, dass er seine „Arbeitsmüdigkeit“ (o. wie immer man den Kern seines "Weihnachtsgefühls") derart öffentlich postuliert. Bei einer Person die über derart viele u. große Fähigkeiten verfügt, ist dieses Statement ÄUßERST unprofessionell. Wer wird nicht an seinem Arbeitsplatz etwas finden, was ihm/ihr nicht passt. Ich muss deswegen aber nicht hingehen u. das auch noch schwarz auf weiß niederlegen u. veröffentlichen. - finde ich.

Schade!

Gruß

Triforium

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